Enthält viel Schweizer Holz: Das neue Betriebsgebäude der Terraviva in Kerzers. Foto: Clara Bach, Terraviva
Eine der Sortieranlagen bei Terraviva. Die mengenmässig mit Abstand grössten Umsatzträgerinnen sind Karotten und Kartoffeln. Foto: Adrian Krebs, FiBL
Martin Koller und Juha Matti Pfister in einem der Temporär-Lagerräume für Kartoffeln. Das grüne Licht soll die Grünfärbung der Kartoffeln verhindern. Foto: Adrian Krebs, FiBL
Es ist ein eindrückliches Gebäude, dass Terraviva direkt angrenzend ans Kulturland gebaut hat. Dieses belegt eine Fläche von knapp einer Hektare. Die Bauherrin betont aber, dass sie dafür nicht Landwirtschaftsland überbauen musste, sondern am Dorfrand von Kerzers ein bestehendes Gewerbeareal nutzen konnte.
Investitionen von 55 Mio Fr.
Das neue Betriebsgebäude ist in relativ kurzer Zeit realisiert worden. Der Spatenstich erfolgte im April 2022 und bereits im Mai 2024 waren die Bauarbeiten abgeschlossen. Es folgte der Umzug aus den direkt angrenzenden bestehenden Gebäulichkeiten. Diese stehen nun leer. Geplant ist, einen Teil zu vermieten und einen Teil der Lager als Reserve in Hinterhand zu behalten, wie CEO Werner Brunner kürzlich gegenüber einer Besucher*innengruppe des Verbands Schweizer Agrarjournalist*innen erläuterte.
Die Finanzierung des neuen Gebäudes war ein ziemlicher Hosenlupf für die Firma. Die Kosten beliefen sich auf imposante 55 Mio Fr. Ein Teil davon – rund 7,4 Mio Fr. – konnte über das Projekt für regionale Entwicklung (PRE) «Bio Gemüse Seeland» finanziert werden.
Einsprache von Fenaco reduziert Subventionen
Dieser Beitrag von Bund und Kanton Freiburg fiel allerdings um einen Drittel geringer aus, als ursprünglich geplant. Der Grosskonzern Fenaco, der an derselben Strasse ein Betriebsgebäude errichtet hat, wehrte sich gegen die Kofinanzierung durch die öffentliche Hand. Die bäuerliche Grossgenossenschaft machte 2021 in einer Einsprache Wettbewerbsverzerrung geltend. Ein halbes Jahr später einigten man sich aussergerichtlich auf reduzierte Beiträge.
Terraviva bzw. ihre Vorgängerfirmen existieren bereits seit 1946. Gegründet wurde sie als Anbau- und Verwertungsgenossenschaft (AVG) vom Biopionier Hans Müller. Bis heute hat sich am Prinzip 100 Prozent Bio nichts geändert, wie Werner Brunner gegenüber den Besuchenden betont. Dabei liegt das Schwergewicht auf der Knospe. «Terraviva ist auch Mitgliedorganisation von Bio Suisse», sagt er. Bei den Importen, einem kleinen Teil der gesamten Tätigkeit, seien rund 85 Prozent Knospe-zertifiziert, der Rest ist EU-Bio.
Transparente Büros ermöglichen Blickkontakte
Der Neubau ist sehenswert, wie sich auf einem Rundgang zeigte. Die Architektur ist ansprechend, nicht zuletzt dank dem grosszügigen Einsatz von (Schweizer) Holz an den Fassaden und in der Dachkonstruktion. Die grosszügigen Fenster sorgen für viel Lichteinfall und die Räume sind grosszügig ausgestaltet.
Ein spezielles Detail: Die Administration hat im obersten Stockwerk Büros mit Blick in die Verpackungsabteilung der Frischprodukte. «Aber auch der Blick zurück ist möglich», sagt Martin Koller mit einem Schmunzeln. Der ehemalige FiBL-Gemüseexperte ist heute Geschäftsführer der InnoPlattform Bio GmbH, einem Tochterunternehmen von Seeland Bio, Terraviva und deren Produzent*innen, das im Rahmen des PRE für Beratung zuständig ist.
Photovoltaik und eigene Wasserreinigungsanlage
In Sachen Nachhaltigkeit weist das neue Terraviva-Gebäude samt Einrichtung einige Highlights auf. So steht auf dem Dach eine mit 950 Megawatt peak (MWp) ausgestattete und damit sehr grosszügige Photovoltaikanlage. Das Waschwasser für das Gemüse wird mit in einer Reinigungsanlage rezykliert. So kann der Frischwasserverbrauch laut Juha Pfister, dem Leiter Technik und Infrastruktur um 75 bis 80 Prozent reduziert werden.
Eine interessante Ausnahme bildet das Waschwasser für Sellerie und Randen. Dieses geht nach dem Ausfällen der Erde direkt zurück in die Abwasserreinigungsanlage da Sellerie Allergien auslösen und Randen das Wasser (und damit anderes Gemüse) rot färben kann.
Produktivität durch das Wachstum reinholen
Jährlich schlägt Terraviva gut 90 Mio Fr. um. Das Wachstum ist markant und soll laut CEO Werner Brunner weiter fortgesetzt werden. Die Zahl der Mitarbeitenden – sie liegt derzeit bei rund 130 – soll aber stagnieren oder gar leicht zurückgehen, «ohne Entlassungen», wie Brunner betont. «Wir wollen die Produktivität in erster Linie durch das Wachstum reinholen», sagt der Firmenchef.
Mit anderen Worten: Der Effizienzgewinn durch das neue Gebäude soll bei unveränderter Belegschaft die umgesetzten Mengen erhöhen helfen. Hier kann man nach wie vor zulegen, üblicherweise im Bereich von rund fünf Prozent pro Jahr. Das gelingt auch über die Sortimentserweiterung. «Wir werden hier neu 400 bis 500 t Melonen jährlich verarbeiten», sagt Brunner zur Illustration.
Karotten und Kartoffeln als wichtigste Umsatzträger
Den weitaus wichtigsten Anteil an der gesamten Menge machen aber traditionelle Produkte aus: Karotten und Kartoffeln. Insgesamt sind es rund 60 Prozent Lager- und 40 Prozent Frischgemüse, die Terraviva annimmt und weiterverkauft, en gros und an Kleinkunden.
Angesichts ihrer Wichtigkeit erhalten namentlich die Kartoffeln aufwändige Spezialbehandlungen. Die Temperaturen sind haargenau abgestimmt auf den späteren Verwertungszweck. In einer Spezialbehandlung besprüht man sie mit Minzöl, um die Keimung zu verhindern und beim Handling beleuchtet Terraviva die Kühlzellen grün, damit die Kartoffeln selber nicht grün werden.
Dreiviertelstunden zwischen Bestellung und LKW-Abfahrt
Total 64'000 Paletten wurden vergangenes Jahr verkauft, das sind etwa 2000 Sattelschlepper voller Gemüse aller Art und etwas Obst. Dabei weist die Firma hohe Agilität auf. Laut Juha Pfister kommt beispielsweise eine der grossen Bestellung jeweils um 11.45 rein und Dreiviertelstunden später muss der Lastwagen abfahren können.
Das heisst, dass immer genügend Ware vorkommissioniert sein muss, damit man derart schnell reagieren kann. Das neue Gebäude bietet dank grösserer Fläche mehr Spielraum für Terraviva und mehr Platz für die Gabelstapler, die ununterbrochen zwischen den Hallen unterwegs sind.
90 Produzent*innen zwischen Bodensee und Lac Léman
Die 90 als Aktionäre an der Firma beteiligten Produzent*innen verteilen sich in der ganzen Schweiz, «zwischen Bodensee und Genfersee», wie Martin Koller sagt. Warum ist das so? Es gehe um die Warenverfügbarkeit. Dafür brauche es eine Risikoverteilung über die ganze Schweiz.
Adrian Krebs, FiBL
Weiterführende Informationen
Das neue Gebäude von Terraviva wird am Samstag, 17. Mai mit einem Einweihungsfest und Tag der offenen Tür eröffnet, der Anlass dauert von 12 bis 17 Uhr. Link zur Anmeldung (docs.google.com)
Webseite des Unternehmens (terraviva.bio)